Fortschritt

OFFEN FÜR IDEEN

Die Entwicklung neuer Medikamente braucht Innovationskraft – und starke wissenschaftliche Partner: warum die neue Forschungsstrategie von Boehringer Ingelheim auf „Open Innovation“ setzt, wie der Austausch mit externen Spezialisten die Forschung beflügelt und was Offenheit für das Recruiting exzellenter Wissenschaftler bedeutet.

Atemnot und hartnäckiger Husten, meist sind dies die ersten Anzeichen der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Sie ist eine echte Volkskrankheit – sehr viele Menschen über 40 Jahren sind betroffen oder haben ein hohes Risiko zu erkranken. Geschätzte 210 Millionen Menschen weltweit leiden darunter. Damit tritt die Erkrankung häufiger auf als Diabetes. Experten schätzen, dass 2030 jeder dritte Todesfall auf COPD zurückzuführen sein wird. Die Krankheit ist nicht heilbar, aber es gibt Behandlungen, mit denen sich die Symptome verbessern lassen und somit der gefährlichen Abwärtsspirale aus zunehmenden Beschwerden und körperlicher Inaktivität entgegengewirkt werden kann.

Forscher von Boehringer Ingelheim und vom Weill Cornell’s Department of Genetic Medicine in den USA gehen nun ganz neue Wege, um Patienten zu helfen. Gemeinsam erforschen sie, wie sich die Schädigung der kleinen Atemwege aufhalten oder vielleicht sogar umkehren lässt. Sie ist eine der zentralen Ursachen der Erkrankung. Die Experten von Weill Cornell bringen auf der einen Seite vor allem ein tiefes Verständnis chronischer Lungenerkrankungen und viel Erfahrung in der Erforschung der Atemwege mit. Das Team von Boehringer Ingelheim verfügt auf der anderen Seite über spezielles Fachwissen, wenn es um die Entdeckung und Entwicklung neuer Atemwegstherapien geht. „Wir ergänzen uns perfekt – es ist eine Traumkonstellation, dass wir nun schnell neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Arzneimittelforschung und -entwicklung übertragen können“, sagt Dr. Clive R. Wood. Als Corporate Senior Vice President für Discovery Research im Bereich Humanpharma ist Wood so etwas wie der Chef-Forscher des Unternehmens.

DR. CLIVE R. WOOD

ist Corporate Senior Vice President mit Verantwortung für Discovery Research im Bereich Humanpharma und arbeitet seit 2014 bei Boehringer Ingelheim.

Wood erklärt, warum Partnerschaften wie diese so vielversprechend sind: „Wissenschaftler aus der universitären Forschung und Unternehmen teilen die Leidenschaft für neue Entdeckungen und arbeiten zusammen, um sie in neuen Medikamenten umzusetzen.“ Der Forscher, der in Großbritannien aufgewachsen ist und studiert und dann den Großteil seiner Berufslaufbahn in den USA verbracht hat, ist seit 2014 in der Zentrale von Boehringer Ingelheim in Ingelheim tätig. „Wir sind an vorderster Front dabei, wenn neue Forschungsfelder entstehen und befinden uns immer in einem intensiven Austausch mit externen Experten.“

Es ist „Open Innovation“ im besten Sinne – so wie Boehringer Ingelheim sie versteht: „Wir suchen nach den Medikamenten der Zukunft“, sagt Wood. „Wir sind dabei offen für die besten Ideen und Konzepte, die unsere Forschung und Entwicklung inspirieren könnten – ganz gleich, woher sie auch kommen mögen. Wir gehen mit offenen Augen genau dahin, wo Innovation stattfindet – egal ob inner- oder außerhalb des Unternehmens. So schaffen wir eine ideale Wiege für Innovation.“

2015 hat Boehringer Ingelheim die Discovery-Research-Strategie des Unternehmens grundlegend umgestaltet. Die Erforschung neuer Medikamente wurde in vier Forschungsgebiete gegliedert: Immunologie & Atemwegserkrankungen, kardio-metabolische Erkrankungen, Onkologie sowie Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Die Möglichkeit, das körpereigene Immunsystem zu beeinflussen, hat neue, spannende Wege in der Krebsbehandlung eröffnet. Die Discovery-Research-Organisation von Boehringer Ingelheim plant folgerichtig, sich mit einem zusätzlichen Forschungsgebiet Immunonkologie noch stärker in der Onkologie zu engagieren. Das Unternehmen hat darüber hinaus übergeordnete „Scientific Platforms“ aufgebaut – beispielsweise zum Thema Immunmodulation – um Fachwissen und Ressourcen in Gebieten zu konzentrieren, die auch für andere Therapiegebiete eine wichtige Rolle spielen.

WIR SIND AN VORDERSTER FRONT DABEI, WENN NEUE FORSCHUNGSFELDER ENTSTEHEN.

Mit „Research Beyond Borders“ hat das Unternehmen zudem ein Programm aufgelegt, um neu entstehende wissenschaftliche Ansätze und Technologien zu erkunden, und zwar gemeinsam mit externen Partnern sowohl innerhalb der Kernbereiche der Forschung als auch darüber hinaus.

Boehringer Ingelheim widmet sich der Entwicklung der nächsten Generation von richtungsweisenden Medikamenten mit dem Ziel, das Leben von Patienten mit hohem medizinischen Bedarf zu verbessern. „Neue Einblicke in die molekularen Mechanismen, die zur Entstehung von Krankheiten beitragen, schaffen die Voraussetzungen für die Entwicklung bahnbrechender Medikamente der Zukunft“, sagt Wood. „Die Suche nach neuen Medikamenten setzt sowohl Kreativität voraus als auch die Fähigkeit, sich auf solche Einblicke einzulassen.“

Ist ein neues Zielmolekül identifiziert, entscheiden die Forscher, wie es sich am besten für therapeutische Zwecke ansprechen lässt. „Wir haben uns in der Vergangenheit exzellente Fähigkeiten angeeignet, kleine Moleküle zu entdecken und zu entwickeln. Diese Fähigkeiten haben maßgeblich zum herausragenden Erfolg unserer Pipeline beigetragen. Ich bin mir sicher, dass sie auch der entscheidende Treiber für unseren künftigen Erfolg sein werden. Aber auch Arzneimittel, die auf großen Molekülen basieren, haben eine signifikante Bandbreite von therapeutischen Zielen. In den letzten Jahren haben wir unser Know-how im Bereich der Protein-Biotherapeutika ausgebaut und sind hier auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Mittlerweile gehört ein Viertel unserer Moleküle in der frühen Pipeline zu dieser Gruppe“, so Wood weiter.

Bedeutende weltweite Forschungs- und Entwicklungsstandorte für Humanpharma.

 

„‚Open Innovation‘ setzt eine aktive Zwei-Wege-Kommunikation mit der externen Welt voraus“, erklärt er. „Obwohl wir einen angemessenen Schutz unserer Innovationen sicherstellen müssen, können wir einen großen Anteil unserer Arbeit teilen.“ Ein derartiges externes Engagement und der Austausch mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft im weiteren Sinne seien Grundvoraussetzungen für den Auf- und Ausbau von Beziehungen – und sie ebnen den Weg für künftige Chancen. Wissenschaftliche Publikationen sind für ihn in der Kommunikation unter Forschern entscheidend. Seine Kollegen bei Boehringer Ingelheim ermutigt er daher, so viele ihrer Ergebnisse zu publizieren wie möglich. Allein im Jahr 2016 haben Wissenschaftler des Unternehmens mehrere hundert Artikel veröffentlicht – viele in renommierten Fachzeitschriften. Auf diese hohe Zahl ist Wood stolz, für ihn ist sie eine wichtige Kennzahl für Innovation. Sie ist außerdem ausschlaggebend, wenn es darum geht, die nächste Generation von talentierten Wissenschaftlern für das Unternehmen zu begeistern: „Heute schauen sich die besten jungen Köpfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz die Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften genau an, denn es geht ihnen darum, mithilfe großartiger Wissenschaft neue Medikamente für Patienten zu entwickeln.“

„Research Beyond Borders“ ist dabei eine Art Radar für die nächste große Innovationswelle: Über Kooperationen mit externen Forschungseinrichtungen sorgt Boehringer Ingelheim dafür, dass die eigenen Wissenschaftler am Puls der Zeit bleiben, es nicht verpassen, wenn sich neue Forschungsansätze herauskristallisieren, und sich mit den besten Partnern zusammentun. Langfristige Kooperationen mit Universitäten – etwa im japanischen Kyoto oder in Harvard – bilden das Herzstück.

WENN DER RICHTIGE ZEITPUNKT GEKOMMEN IST, KÖNNEN WIR VOLL EINSTEIGEN.

Boehringer Ingelheim ist zudem in Public Private Partnerships wie dem „Structural Genomics Consortium“ aktiv und sucht mithilfe von Crowdsourcing- Projekten nach Lösungen für die schwierigsten medizinischen Herausforderungen. „Dadurch haben wir Themen schon in einem sehr frühen konzeptionellen Stadium im Blick“, fährt Wood fort. „Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, können wir voll einsteigen.“

Immunmodulation ist ein Beispiel für den „Scientific Platform“-Ansatz bei Boehringer Ingelheim. „Das Immunsystem ist der gemeinsame Nenner vieler Erkrankungen in verschiedensten medizinischen Gebieten“, erklärt Wood. Früher hätte das Unternehmen daher Immunologen in allen relevanten Therapiegebieten einsetzen müssen. „Nun haben wir sie stattdessen alle in einer Einheit zusammengefasst.“ Rund 200 Spezialisten erforschen neue Möglichkeiten, auf das Immunsystem einzuwirken. So gilt es bei Autoimmunkrankheiten, die von einem überaktiven Immunsystem gekennzeichnet sind, einen Signalweg des Immunsystems abzuschalten. Möglicherweise kann es jedoch bei Krebs helfen, denselben Signalweg zu aktivieren. Wenn Wissenschaftler zusammen an diesen Problemen arbeiten, statt in unterschiedlichen Organisationseinheiten tätig zu sein, ist dies von hohem Wert. Immunmodulation und die der Fibrose zugrunde liegenden Mechanismen sind Beispiele für den „Scientific Platform“-Ansatz von Boehringer Ingelheim. Doch Wood und seine Kollegen sprechen bereits über weitere Gebiete – „Regenerative Medizin“ könnte etwa eines sein.

DIE FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG VON BOEHRINGER INGELHEIM

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„Eine neue Kultur der Offenheit und Partnerschaft zum beiderseitigen Nutzen prägen die Forschung und Entwicklung des Unternehmens“, so Wood. Als herausragendes Beispiel innerhalb des Unternehmens nennt er OVEV®, eines der Medikamente, die stark zum Umsatzwachstum beitragen. Ursprünglich hatte der Forschungsbereich Onkologie mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor Nintedanib ein sehr wirksames Medikament gegen Lungenkrebs entwickelt. „Und dann kamen zwei talentierte Wissenschaftler an unserem Standort Biberach in Deutschland auf die Idee, dass die Mechanismen, die bei Krebs wirken, womöglich auch bei idiopathischer Lungenfibrose wirksam sein könnten“, berichtet er. „Dies bedeutete natürlich, dass der Wirkstoff Nintedanib auch für diese Krankheit zum Einsatz kommen könnte.“ Sie stellten dieses Potenzial in einer Serie von Tests unter Beweis und setzten sich erfolgreich dafür ein, Nintedanib für eine zusätzliche Indikation zu untersuchen. „Es hat sich wiederholt herausgestellt, wie wichtig die gemeinsamen Krankheitsmechanismen sind. Ein offener Geist und der Ehrgeiz, Patienten zu helfen, sind die Basis für die Entdeckung neuer Medikamente.“

2015 hat Boehringer Ingelheim die Discovery-Research-Strategie des Unternehmens grundlegend umgestaltet.