Fortschritt

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fiction
lernen

Die Gesundheitsbranche steht vor großen Umwälzungen. Schon in wenigen Jahren werden Tabletten aus dem 3-D-Drucker zum Alltag gehören, genauso wie Virtual-Reality-Anwendungen im Krankenhaus. Unternehmen aus dem Gesundheitssektor müssen sich auf die Zeitenwende einstellen, indem sie zum Partner der Patienten werden.

Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie die Zukunft wird, sollte Science-Fiction-Geschichten lesen und Science-Fiction-Filme anschauen. Natürlich wird die Zukunft nicht genauso aussehen wie bei Star Trek oder im Kinofilm Ex Machina, aber solche Geschichten können für uns eine wertvolle Quelle der Inspiration sein. Science Fiction ist der Klebstoff zwischen dem Heute und dem Morgen. Er erleichtert uns das exponentielle Denken, das wir brauchen, um sinnvolle Annahmen darüber zu treffen, was die Zukunft bringen könnte. Mit linearem Denken, das aktuelle Entwicklungen einfach in die Zukunft fortschreibt, kommen wir nicht weiter. Das zeigt schon der Blick auf viele Branchen, die sich in den vergangenen Jahren durch das Internet radikal gewandelt haben – etwa der Einzelhandel oder die Medienindustrie.

Der Gesundheitssektor steht vor einer Zeitenwende. Es rollt ein regelrechter Tsunami auf ihn zu, der aber erst in einigen Jahren seine volle Kraft entfalten wird. Wie gravierend die Umwälzungen sein werden, lässt sich anhand vieler Beispiele erahnen: Gelähmte Menschen können mit einem Exoskelett wieder laufen, Gipse und Schienen lassen sich mit 3-D-Druckern passgenau für einen Patienten individuell anfertigen, und es gibt Pläne, dass Drohnen bei Notfällen künftig Defibrillatoren zu Patienten liefern, falls ein Arzt sie nicht rechtzeitig erreicht. Noch vor wenigen Jahren hätte all das als Science Fiction gegolten. Heute ist es Realität.

Wer sich von Science Fiction inspirieren lässt, die aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen und in der Informationstechnik kennt und auf dieser Grundlage exponentiell denkt, kann mehrere Trends identifizieren, die mit großer Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren Realität werden.

TREND 1: SELBSTBEWUSSTE PATIENTEN

Das Selbstverständnis von Patienten verändert sich bereits. Es wird sich aber noch viel radikaler wandeln. Sie werden nicht nur selbstbewusster und hinterfragen stärker als in der Vergangenheit, was sie von Ärzten oder Pharmaherstellern hören. Sie informieren sich auch intensiver – sowohl präventiv als auch über Krankheiten, die bei ihnen diagnostiziert wurden, sowie über deren Behandlungsmethoden. Das Internet ermöglicht es Patienten, einen ähnlichen Wissensstand zu erlangen wie Ärzte, wenn sie nur genug Zeit investieren. Damit nicht genug: In Zukunft werden immer mehr Patienten aktiver darüber mitbestimmen wollen, was mit ihnen geschieht. Für Unternehmen aus dem Gesundheitssektor sowie für Ärzte bedeutet das: Sie müssen sich darauf einstellen, dass Patienten künftig nach einem partnerschaftlichen Verhältnis verlangen.

TREND 2: SIEGESZUG DER SENSOREN

In den kommenden Jahren werden sich Sensoren rasant verbreiten, die Vitalfunktionen vieler Menschen messen und auswerten. Sogenannte elektronische Tattoos sind bereits auf dem Markt. Sie können kontinuierlich die Körpertemperatur, die Pulsfrequenz und den Blutdruck des Menschen messen, auf dessen Haut das Tattoo angebracht ist. Sensoren könnten bald auch in Badezimmern von Privatwohnungen eingebaut sein. Dort könnten sie etwa täglich den Urin eines Menschen analysieren. So eröffnen sich zum Beispiel für Krankenversicherer viele neue Möglichkeiten: Wer gesundheitsbewusst lebt, kann Vergünstigungen bekommen. Zudem werden immer mehr Menschen versuchen, ihre Gesundheit selbst zu optimieren. Sie können zum Beispiel aufzeichnen, wie viele Tiefschlafphasen sie während der Nacht haben – und ihr Verhalten am Tag so anpassen, dass sie sich nachts besser erholen.

DR. MED. BERTALAN MESKÓ

auch bekannt als „Medical Futurist“

gehört zu den Amazon- Top-100-Autoren und ist Redner und Wissenschaftler. Mit mehr als 500 Vorträgen (u. a. Kurse an den Universitäten Harvard, Stanford und Yale, Futuremed-Kurse am Ames-Campus der NASA und bei zahlreichen Firmen – darunter die zehn größten Pharmaunternehmen), ist er einer der besten Experten zum Thema Technologie im Gesundheitswesen. Renommierte Medien wie CNN, National Geographic, Forbes, das Time Magazine, die BBC und die New York Times haben über ihn berichtet.

TREND 3: 3-D-DRUCK

Krebsmedikamente werden auch heute schon häufig individuell für jeden einzelnen Patienten hergestellt. In Zukunft wird das bei vielen anderen Medikamenten genauso sein. Nachdem ein Arzt die passende Wirkstoffzusammensetzung ermittelt hat, sendet er diese Daten an eine Apotheke. Dort werden Tabletten dann individuell für den betreffenden Patienten in einem 3-D-Drucker produziert. Erste Versuche mit dieser Methode verlaufen bereits erfolgreich – die Tabletten zerfallen im Körper von Patienten sogar besonders schnell. Schon bald werden 3-D-Drucker nicht mehr nur für die Herstellung von Tabletten zum Einsatz kommen, sondern zum Beispiel auch für das Drucken ganzer Körperteile, die Patienten transplantiert werden.

TREND 4: VIRTUELLES TESTEN NEUER WIRKSTOFFE

Bisher sind aufwändige Studien nötig, wenn forschende Pharmaunternehmen neue Wirkstoffe erproben. Das Prozedere dauert viele Jahre, es müssen viele Patienten teilnehmen, für die damit oft ein gewisses Risiko verbunden ist. Damit könnte es schon bald vorbei sein. Möglich machen das Computer, die große Datenmengen verarbeiten können – Experten sprechen von Big Data. Auf diesem Weg könnten neue Wirkstoffe in Zukunft virtuell getestet werden, ohne dass Patienten beteiligt sind. Weiterer Vorteil: Computer könnten in kürzester Zeit tausende verschiedene Wirkstoffkombinationen testen und die beste identifizieren. Pharmahersteller würden damit viel Zeit sparen und neue Medikamente deutlich schneller als in der Vergangenheit auf den Markt bringen. Womöglich kommt beim Testen von Wirkstoffen demnächst sogar künstliche Intelligenz zum Einsatz.

TREND 5: AUGMENTED UND VIRTUAL REALITY

Augmented Reality ist seit einigen Monaten wegen des Handyspiels Pokémon Go in aller Munde. In Zukunft wird sie in der Gesundheitsbranche Alltag sein. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Ärzte werden dank Augmented Reality aus der Ferne an Operationen teilnehmen oder sie sogar durchführen können. Nachwuchsmediziner werden mit Datenbrillen gemeinsam deutlich effektiver lernen als es bisher möglich war – zum Beispiel in einem virtuellen Sektionssaal. Und: Patienten werden während einer Operation mit lokaler Betäubung eine Datenbrille tragen, die ihnen Bilder ihrer Wohnung zeigt, damit sie sich trotz der ungewohnten Umgebung wie zu Hause fühlen.

FAZIT

All diese umwälzenden Veränderungen haben eins gemeinsam: Auf den ersten Blick erscheinen sie wie die Folgen einer technologischen Revolution. In Wahrheit jedoch sind sie Ausdruck einer kulturellen Revolution. Vor allem in dem Sinne, dass der Mensch in den Mittelpunkt rückt. Ganz besonders gilt das für Patienten, die zu gleichwertigen Partnern der Akteure im Gesundheitswesen werden. Ihre Wünsche und Bedürfnisse werden so stark wie nie zuvor darüber entscheiden, wie sich der Gesundheitssektor weiterentwickelt.

Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft müssen sich so aufstellen, dass sie mit den rasanten Veränderungen mithalten können – und sie bestenfalls sogar selbst mit vorantreiben. Dazu müssen sie die neuen Möglichkeiten der Informationstechnik willkommen heißen. Sie müssen dafür sorgen, dass neue Ideen schnell umgesetzt werden. Sie müssen die Zulassungsbehörden zu raschen und pragmatischen Entscheidungen drängen. Vor allem aber müssen sie ihr Selbstverständnis verändern: Selbst wenn ein Unternehmen noch so groß ist, wird es in Zukunft immer weniger seinen Erfolg im Alleingang garantieren können, sondern nur in einem Netzwerk vieler Partner, zu denen zuallererst Patienten zählen.