Am Wendepunkt

Vertreter von Boehringer Ingelheim und der Peking Universität bei der Vertragsunterzeichnung am 16. Mai 2017 in Peking. Im Vordergrund: Dr. Rui-Ping Xiao von der Peking Universität und Dr. Clive Wood, Leiter des Bereichs Discovery Research bei Boehringer Ingelheim. 

 

Vertreter von Boehringer Ingelheim und der Peking Universität bei der Vertragsunterzeichnung am 16. Mai 2017 in Peking. Im Vordergrund: Dr. Rui-Ping Xiao von der Peking Universität und Dr. Clive Wood, Leiter des Bereichs Discovery Research bei Boehringer Ingelheim. 

 

In den vergangenen Jahrzehnten ist China zur führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Auch in der Forschung steht das Land aktuell hervorragend dar. Wer dabei ist, kann die Zukunft mitgestalten.

Mich haben schon viele Leute gefragt, warum ich im Jahr 2010 – vor nunmehr acht Jahren – aus den USA zurück nach China gegangen bin. 20 Jahre lang hatte ich zuvor als leitende Wissenschaftlerin am Nationalen Institut für Altersforschung (National Institute on Aging) gearbeitet. Die Antwort ist einfach: Die wissenschaftliche Forschung in China stand 2010 an einem historischen Wendepunkt, und ich wollte dabei sein, wenn mein Heimatland zu einem der wichtigsten Forschungsstandorte der Welt aufsteigt. Als mich die Universität Peking damals also einlud, Leiterin ihres neuen Instituts für Molekulare Medizin zu werden, ergriff ich die Gelegenheit und sagte zu. Und tatsächlich: In den vergangenen Jahren ist das Institut mit seiner Forschung im Bereich kardiometabolischer Erkrankungen und regenerativer Medizin zu den führenden Einrichtungen weltweit aufgestiegen.

Generell hat die wissenschaftliche Gemeinde meiner Heimat in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich stark an Bedeutung gewonnen. Mittlerweile ist China die Forschungsnation Nummer zwei hinter den USA, wenn es um die Zahl der Patente und wissenschaftlichen Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften geht. Prognosen zufolge wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Die chinesische Regierung investiert daher zunehmend, um Forschung und Technologie im Land weiter zu fördern.

Als ich im Jahr 1987 mein Medizinstudium an der medizinischen Tong-Ji-Hochschule in Wuhan abschloss, stand es um die Wissenschaft im Land noch nicht so gut. Die Universitäten hatten kaum Mittel, um ihre Forschung zu finanzieren. Mir war damals klar: Wenn ich als Wissenschaftlerin etwas erreichen wollte, dann musste ich meine Heimat verlassen. So wie mir ging es damals vielen chinesischen Forschern. Tausende Talente sind wie ich in die USA oder nach Europa gegangen, um dort zu forschen oder zu lehren. Doch dann erhöhte die chinesische Regierung ihre Forschungsausgaben um gut 20 Prozent – nachhaltig. Mittlerweile ist die Situation daher eine völlig andere: Immer mehr Wissenschaftler kehren in ihre alte Heimat China zurück.

„Grundlagen- forschung ist oft langwierig und teuer. Wenn überhaupt irgendwann marktfähige Ergebnisse aus ihnen entstehen können, dann dauert es Jahrzehnte bis dahin.“

GASTBEITRAG VON RUI-PING XIAO,


Leiterin des Instituts für molekulare Medizin der Peking Universität

In den USA hatte ich mich auf Herzerkrankungen spezialisiert. Am Nationalen Institut für Altersforschung entwickelte ich unter anderem Therapien zur Stärkung des Herzmuskels nach einem Infarkt. An der Universität Peking konnte ich meine Forschung in diesem Bereich fortsetzen. Zusätzlich betreiben wir am Institut für Molekulare Medizin nun auch Grundlagenforschung zu Stoffwechselerkrankungen. Wir beschäftigen uns mit den Folgen, die weitverbreitete Erkrankungen mit sich bringen können – beispielsweise Typ-2-Diabetes und die ihn begleitenden Komplikationen für den Patienten, etwa Bluthochdruck oder zu hohe Cholesterinwerte. Beides kann verheerende Auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Wir suchen deshalb nach Behandlungsmöglichkeiten für diese Folgeerkrankungen.

Grundlagenforschung ist oft langwierig und teuer. Wenn überhaupt irgendwann marktfähige Ergebnisse aus ihnen entstehen können, dann dauert es Jahrzehnte bis dahin. Ohne Grundlagenforschung aber sind medizinischen Durchbrüche schwierig. Mittlerweile haben wir an der Universität glücklicherweise die Möglichkeiten, um diese aufwändige, aber notwendige Form der Forschung zu betreiben. Als Wissenschaftler kommt man dennoch irgendwann an einen Punkt, an dem man weitere Unterstützung aus der Privatwirtschaft braucht – die beste Forschung ist wertlos, wenn sie am Ende nicht zu den Menschen findet. Hier kommen starke Partner aus der Industrie ins Spiel, die die Kraft und den Elan haben, die Ergebnisse für den Markt weiterzuentwickeln.

Mit Boehringer Ingelheim haben wir einen solchen Partner gefunden. Seit Mai 2017 ist die Peking Universität Kooperationspartner im Rahmen des „Research Beyond Borders“-Programms, mit dem Boehringer Ingelheim erfolgversprechende Forschung abseits der traditionellen Therapiegebiete des Unternehmens fördert. Die strategische Partnerschaft betrifft vor allem die regenerative Medizin. Derzeit laufen fünf Projekte zu unterschiedlichen Themen wie beispielsweise zur Zellregeneration des Herzens oder der Bauchspeicheldrüse. Es stehen aber auch Themen wie die Krebs- und Diabetesforschung sowie Gentherapie auf der gemeinsamen Forschungsagenda. Zwei weitere Projekte sollen in naher Zukunft an den Start gehen. Durch die Kooperation erhält Boehringer Ingelheim Zugang zu unseren Forschungsergebnissen und hilft uns dabei, diese in die Praxis umzusetzen.

„Durch die Kooperation erhält Boehringer Ingelheim Zugang zu unseren Forschungs- ergebnissen und hilft uns dabei, diese in die Praxis umzusetzen. “

DIE DISCOVERY-RESEARCH-STRATEGIE VON BOEHRINGER INGELHEIM

Die Discovery-Research-Strategie von Boehringer Ingelheim fußt auf drei Säulen. Die Kooperation mit der Peking Universität unterstützt das Ziel, aufkommende wissenschaftliche Entwicklungen zu nutzen — diese Aktivitäten sind in der dritten Säule gebündelt, „Research Beyond Borders“ (siehe auch Infokasten rechts). Die Discovery-Research-Strategie hilft Boehringer Ingelheim, immer wieder Innovationen hervorzubringen, die den Patienten zugutekommen. Das Unternehmen setzt dazu auf externe Partnerschaften, seine eigenen Stärken sowie auf Ansätze, die darüber hinausgehen.

ÜBER GRENZEN HINWEG

Im Jahr 2015 hat Boehringer Ingelheim im Bereich Discovery Research das Team „Research Beyond Borders“ (RBB) gegründet. Es hat 28 Mitarbeiter in Biberach (Deutschland), Ridgefield, Boston (beide USA), Peking (China), Kobe (Japan) und Wien (Österreich). Sogenannte „Scouts“ suchen von dort aus weltweit in der wissenschaftlichen Gemeinde nach vielversprechenden Ideen und stellen aktiv Kontakte zu Forschern in externen Forschungseinrichtungen und an Universitäten her.

Ziel von RBB ist es, neue wissenschaftliche Ansätze und Technologien zu erkunden, die später in den Fokus rücken könnten – ausdrücklich auch außerhalb der aktuellen Therapiegebiete des Unternehmens. Beispiele sind die regenerative Medizin, Gentherapie und die Forschung zum Mikrobiom. Inzwischen hat RBB mehr als 30 Partnerschaften mit Universitäten und wissenschaftlichen Instituten geschlossen. Auch Kooperationen mit Biotechnologiefirmen oder Start-ups sind vorgesehen.

Gleichzeitig unterstützt Boehringer Ingelheim die Universität Peking auf mehrere Arten: Das Unternehmen finanziert derzeit vier unserer Postdoc-Stellen, weitere Stellen sind in Planung. Wichtiger als die finanzielle Förderung ist uns aber die große fachliche Expertise, auf die wir als Teilnehmer des „Research Beyond Borders“-Programms zurückgreifen können. Im Bereich der Krebsforschung etwa verfügt Boehringer Ingelheim über eine umfangreiche Expertise, die unsere Forschung maßgeblich bereichert.

Im Laufe meiner Forscherkarriere habe ich bereits mehrfach mit Partnern aus der Industrie zusammengearbeitet. Das ist nicht immer einfach. Viele Unternehmen verstehen nicht, dass gute Forschung auch mal Jahrzehnte vermeintlich erfolglos bleiben kann, bis schließlich „über Nacht“ der große Durchbruch kommt.Stattdessen drängen sie auf schnelle Ergebnisse, die sich gut vermarkten lassen, damit sich ihr Investment schnell auch monetär auszahlt.

Unter solchen Bedingungen funktioniert Forschung aber nicht. Hinzu kommen kulturelle Hürden, mit denen viele Unternehmen nicht richtig umgehen können. So kann es schnell zu Missverständnissen kommen, die eine Partnerschaft erschweren.

Gerade im Bereich Grundlagenforschung ist es aber besonders wichtig, klar und verständlich zu kommunizieren. Boehringer Ingelheim hat das begriffen. Im Rahmen der strategischen Partnerschaft haben wir im „Research Beyond Borders“-Team eine Ansprechpartnerin, die selbst in China lebt und arbeitet, gleichzeitig aber auch die Arbeitsweise in Europa und Amerika kennt. Durch ihr Wissen aus beiden Welten kann sie hervorragend zwischen den Kulturen vermitteln. Das erleichtert die länderübergreifende Kommunikation sehr.

Unser Ziel für die Zukunft ist es, die Kooperation weiter zu vertiefen und auszubauen. So ist etwa geplant, fünf weitere Postdoc-Stellen zu schaffen und im Rahmen des Programms zu finanzieren. Ich denke, für viele Forscher ist es sehr wichtig, dass ihre Arbeit irgendwann der Gesellschaft einen Nutzen stiftet. China bietet Wissenschaftlern derzeit eine hervorragende Perspektive dafür. Vielleicht können wir für diese Stellen also weitere Rückkehrer gewinnen, die diesen historischen Moment in China nicht verpassen wollen.