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Hubertus von Baumbach (rechts)
und Michael Schmelmer

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„Das Digitale ist ein Werkzeug,
kein Selbstzweck“

Hubertus von Baumbach (CEO) und Michael Schmelmer (CFO) arbeiten mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeinsam daran, den digitalen Wandel im Unternehmen voranzutreiben. Im Interview erläutern sie, wie sie die neuen technischen Möglichkeiten einsetzen wollen. Ihr Ziel: Es sollen wirkliche Mehrwerte entstehen. In der Medikamentenentwicklung, in der Produktion. Und vor allem: für Patienten, Ärzte und Mitarbeiter.

Herr v. Baumbach, Herr Schmelmer: Digital Health ist das Schlagwort, das derzeit die ganze Branche umtreibt. Wenn man einmal hinter dieses Schlagwort schaut: Welchen konkreten Mehrwert bringen die neuen digitalen Technologien?

HUBERTUS v. BAUMBACH (HvB) Für uns ist Digitalisierung der Oberbegriff für neue Technologien zur Nutzung von Daten – also deren Erfassung, Verarbeitung und Analyse – und der automatisierten Steuerung von Prozessen. Die Digitalisierung bietet uns vielfältige Chancen, den Prozess der Innovation, aber auch unsere Wertschöpfungskette insgesamt zu verbessern, in Teilen sogar grundlegend zu transformieren. Innovation war der Garant unseres Erfolgs und unserer Unabhängigkeit in den vergangenen über 130 Jahren; und auch heute glauben wir fest an die Bedeutung der Innovationskraft für die Zukunft des Unternehmens. Wir müssen und wollen Bestehendes, ja auch Bewährtes immer wieder hinterfragen. Wir stellen entsprechende Ressourcen zu Verfügung. Und tragen das damit einhergehende, unternehmerische Risiko. Das ermöglicht uns, unsere Vision in die Tat umzusetzen: Wir wollen Werte schaffen durch Innovation.
 

Was heißt das konkret?

Wir wollen neue Therapieansätze entwickeln, die im Leben von Patienten mess- und spürbare Verbesserungen bringen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, insbesondere Humanmedikamente zu entwickeln, die in Ihrer Arzneimittelklasse neuartig und die ersten sind. Gleichzeitig wollen wir einen Mehrwert für die Gesundheitssysteme schaffen. Dabei dürfen wir den Begriff „Wert“ nicht lediglich auf „Preis“ oder die unmittelbaren „Kosten“ reduzieren, ansonsten verlieren wir die Gesamteffizienz der Systeme aus dem Blick. Vor allem würden wir dann die Bedürfnisse der Patienten vernachlässigen.
 

MICHAEL SCHMELMER (MS) Unsere wichtigste Herausforderung ist es, Boehringer Ingelheim in die Lage zu versetzen, diese Chancen schnell und effizient zu nutzen. Die digitalen Technologien verändern Prozesse und Geschäftsmodelle in nahezu allen Unternehmensbereichen – in einigen Bereichen sind diese Veränderungen disruptiv, in anderen eher evolutionär.

Internationaler Galenus-Preis für JARDIANCE®

Am 28. November 2018 wurde das Diabetesmedikament JARDIANCE® (Empagliflozin) von Boehringer Ingelheim mit dem internationalen Galenus-Preis 2018 für das „Beste pharmazeutische Produkt“ ausgezeichnet.

Der Preis ist die wichtigste Auszeichnung auf dem Gebiet der pharmazeutischen Innovation und würdigt außerordentliche Anstrengungen und Erfolge der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung.

JARDIANCE® ist das erste Antidiabetikum, das dabei hilft, das Risiko für kardiovaskulären Tod bei Patienten mit Typ-2 Diabetes zu senken, zusätzlich zum positiven Effekt auf Blutzucker, Körpergewicht und Blutdruck.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

MS Nehmen Sie die Arzneimittelentwicklung, in der wir bislang ausgesprochen erfolgreich waren. Kürzlich erhielt unser Diabetesmedikament jardiance® den internationalen Galenus-Preis als „Bestes pharmazeutisches Produkt“. Wir nutzen zunehmend digitale Technologien, um unsere Möglichkeiten zu erweitern und Entwicklungszyklen zu verkürzen. Zum Beispiel hilft uns künstliche Intelligenz, Patientendaten in Studien schneller zu erfassen und auszuwerten. Wir werden einfach besser in dem, was wir bereits heute tun – das sind aber Veränderungen, die eher evolutionären Charakter haben. In der Produktion und auch in der Zusammenarbeit mit Medizinern und Patienten hingegen sind die Veränderungen disruptiv. Dort werden vollkommen neue Geschäftsmodelle möglich – und digitale Plattformen erschließen ganz neue Wege der Interaktion.
 

Von welchen Technologien versprechen Sie sich dabei den größten Mehrwert?

HvB Künstliche Intelligenz ist sicher eines der Technologiefelder, das uns in sehr vielen Unternehmensbereichen besonders vielversprechende, neue Möglichkeiten eröffnet. Die Menge an Daten wächst rasant. KI wird uns in der Zukunft ermöglichen, diese Daten in einem relativ kurzen Zeitraum zuverlässig zu strukturieren und analysieren, wie es heute selbst mit einer theoretisch unlimitierten menschlichen Kraft kaum möglich ist. Aber bei aller Begeisterung für die einzelnen technologischen Neuerungen darf man nicht übersehen: Das Digitale ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Neue Technik hilft uns bei der Transformation des Unternehmens. Noch entscheidender für unseren Erfolg heute und in Zukunft wird es sein, dass wir diese Werkzeuge sinnvoll einsetzen, um unserem unternehmerischen Ziel treu zu bleiben und neue Therapiemöglichkeiten für Mensch und Tier zu schaffen.

MS Eine wichtige Rolle spielen sicher interne Pilotprojekte und Change-Programme wie unser Digitallabor BI X oder der BI CUBE in Ingelheim. Dort erarbeiten wir neue, digitale Prozesse und Produkte und experimentieren mit agilen Arbeitsmethoden. So wollen wir Impulse in den Arbeitsalltag unserer Mitarbeiter und die gesamte Organisation tragen.

Ist der digitale Wandel auch deshalb eine so große Herausforderung, weil die Geschwindigkeit der Veränderung so hoch ist? Die Angst vor Disruptoren aus anderen Branchen ist ja vielerorts groß.

HvB Die Digitalisierung sorgt für Beschleunigung und technisch ganz neue Ansätze. Dies erleben wir in allen Bereichen unseres Lebens. Als Unternehmen wollen wir diese Chancen nutzen, um im Wettbewerb auch weiterhin erfolgreich zu sein. Die Bereitschaft zur kontinuierlichen Veränderung ist für uns seit jeher der Leitsatz. Wir betrachten Veränderung als Motor für die Zukunft, und wir möchten unseren Beitrag zur Neugestaltung des neuen, digitalen Gesundheitswesens leisten. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass Patienten bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems durch die Analyse spezifischer Sprachmuster schneller die richtige Diagnose erhalten und dann auch das dazu passende Medikament verfügbar wird. In der Epidemiologie ermöglichen uns digitale Technologien, die Wirksamkeit, Sicherheit und Anwendung unserer Produkte nahezu in Echtzeit zu beurteilen. Eine unserer aktuellen Studien mit Patienten, die an der seltenen Lungenkrankheit Sklerodermie leiden, wird in weniger als sechs Monaten abgeschlossen sein – im Vergleich zu fünf oder mehr Jahren mittels der traditionellen Registerstudien. Bei Erfolg wird das Medikament Patienten also mehr als vier Jahre früher zur Verfügung stehen.

MS Wir haben keine Angst vor Disruptoren – wir sehen uns vielmehr selbst im positiven Sinne als Disruptor für die Branche. Deshalb sind wir auch absolut offen für externe, innovative Partner, die uns inspirieren und dabei helfen, unsere Ideen für eine bessere Gesundheit von Mensch und Tier in die Tat umzusetzen. Wir arbeiten mit Startups, Forschern und Entwicklern zusammen, binden Mediziner und Patienten in unseren Innovationsprozess ein – da bieten sich über digitale Plattformen großartige neue Möglichkeiten. All das hilft uns, die Bedürfnisse der Patienten noch besser zu verstehen und ihnen zielgerichtete Angebote zu machen.
 

Boehringer Ingelheim ist also bereit für das Zeitalter von Digital Health?

HvB Mehr als das. Wir sind bereits dabei, diese Zukunft mit all ihren Möglichkeiten und Herausforderungen zu gestalten. Digital Health ist letztlich ein Ansatz, die Gesundheitswissenschaften noch stärker miteinander zu verknüpfen. Auf dem Weg dahin darf es gerne auch etwas schneller gehen.

„Digital Health ist letztlich ein Ansatz, die Gesundheitswissenschaften noch stärker miteinander zu verknüpfen.“

Hubertus von Baumbach,
Vorsitzender der Unternehmensleitung