„Es geht darum, das Richtige zu tun“

Strategische Entscheidungen verlangen von den Beteiligten große Flexibilität und Mut. Als sich die beiden Tiergesundheitsorganisationen von Boehringer Ingelheim und Sanofi zusammenschlossen, kamen zwei Unternehmenskulturen und viele verschiedene Nationalitäten in der neuen Geschäftseinheit Tiergesundheit von Boehringer Ingelheim zusammen. Rogier Biemans, Standortleiter im britischen Pirbright, kommt ursprünglich aus der Boehringer Ingelheim-Organisation. Vanessa Mariani, Global Commercial Operations Integration Lead, ist frühere Merial-Mitarbeiterin. Die beiden diskutieren, wie sie das Beste aus beiden Welten zusammenbringen.

Herr Biemans, Sie sind vom Boehringer Ingelheim-Standort Weesp in den Niederlanden nach Pirbright in Großbritannien gewechselt. Frau Mariani, Sie haben Atlanta in den USA verlassen und sind nach Ingelheim gekommen. Wie viel Mut war dafür erforderlich?

BIEMANS Das war nicht einfach, das kann ich Ihnen sagen. Es ist hart, sich von Kollegen zu verabschieden – ich hätte wirklich gerne ein paar von ihnen mitgenommen. Ich versuche, in Kontakt zu bleiben, aber das Leben geht natürlich weiter. Und die Menschen in Großbritannien sind sehr nett zu mir.

MARIANI Für mich war der Umzug natürlich eine große Veränderung. In Atlanta, hatte ich für Merial gearbeitet, jetzt bin ich ein Teil von Boehringer Ingelheim. Ich lebe seit März 2017 in Ingelheim und werde hier bis März 2018 im Rahmen einer sogenannten erweiterten Dienstreise bleiben. Mein Mann lebt in Atlanta, und daher versuche ich, alle vier Wochen nach Hause zu fliegen.

BIEMANS Durch unseren Job sind wir sehr beschäftigt. Da bleibt wenig Zeit, um Vergangenes zu vermissen.

MARIANI Das stimmt. Und letztendlich geht es um die Menschen und nicht um den Standort. Ich habe noch Kontakt zu einigen Kollegen, mit denen ich in Atlanta zusammengearbeitet habe. Aber die Menschen in Ingelheim waren einfach großartig und haben mich so herzlich aufgenommen, dass ich nichts ändern würde.

Frau Mariani, wie ist es denn für Sie, in einer doch recht ländlichen Umgebung zu leben?

MARIANI Ursprünglich bin ich aus Mexico City und habe 15 Jahre lang in New York gelebt. Ingelheim ist natürlich etwas anderes – aber ich mag es. Ich habe keinen Kulturschock erlitten. Ich musste mich nur erst daran gewöhnen, dass sonntags in Deutschland alle Geschäfte geschlossen haben.

Vanessa Mariani und Rogier Biemans trafen sich im Oktober 2017 in Ingelheim. Beide arbeiten für die neue Tiergesundheitseinheit des Unternehmens.
Beim Mittagessen tauschten sich Vanessa Mariani und Rogier Biemans über die Unternehmenskultur von Boehringer Ingelheim aus.

Natürlich geht es nicht nur um die Größe der Stadt, an die Sie sich gewöhnen mussten. Die Menschen sind auch anders. Was macht die Unternehmenszentrale von Boehringer Ingelheim aus?

BIEMANS Immer wenn ich in Ingelheim bin, fällt mir auf, dass die Menschen sehr korrekt sind und Wert auf Regeln legen. Die Kleiderordnung ist strenger und die Unterhaltungen sind formeller. Aber die Menschen tauen auf, sobald man sie näher kennenlernt.

MARIANI Auch mir ist eine gewisse Formalität in Ingelheim aufgefallen – die mir gefällt. Ich schätze klar definierte Rahmenbedingungen und Regeln. Aber unser Leben ist jeden Tag anders, sodass wir flexibel sein müssen. Daher haben wir uns trotz aller Formalität einen Raum geschaffen, in dem wir sehr viel entspannter miteinander oder mit unterschiedlichen Situationen umgehen.

Frau Mariani, Sie haben den Großteil Ihres Lebens in Nordamerika verbracht. Ist es eine Herausforderung, in Deutschland zu arbeiten?

MARIANI Wir arbeiten in einer globalen Unternehmenswelt, wodurch man nur selten auf Menschen trifft, die noch gar keinen Kontakt zu anderen Kulturen hatten. Das Beste an meinem Umzug nach Ingelheim ist die Art, wie ich in der Boehringer Ingelheim-Organisation aufgenommen wurde, im Integrationsteam und in Ingelheim im Allgemeinen. Das ist eine fantastische Erfahrung.

Zwei Unternehmen, die aus zwei Geschäften eins machen – die Situation ist nicht nur für Sie persönlich, sondern auch für Boehringer Ingelheim und Merial eine Herausforderung, oder?

BIEMANS Dieser Prozess dauert noch an und wird sich über die kommenden Monate hinziehen. Die Unterschiede in der Unternehmensstruktur sind groß: Merial ist eine multinationale Firma, und Boehringer Ingelheim ist eine globale Organisation in Familienbesitz.

MARIANI Um diese beiden Geschäfte zusammenzuführen, haben wir eine neue Vision entwickelt. Uns treibt die Überzeugung an, dass Tiere das Leben von Menschen bereichern. Entscheidend für den Integrationsprozess ist, eine gemeinsame Überzeugung zu teilen.

Sowohl Boehringer Ingelheim als auch Merial haben eine einzigartige Unternehmenskultur. Was bedeutet dies für Sie persönlich?

BIEMANS Für mich geht es vor allem darum, wie Menschen miteinander umgehen. Dies hat mit den zugrunde liegenden Werten zu tun. Bei Boehringer Ingelheim arbeiten die Menschen strukturiert zusammen, die Leute sind immer korrekt und voller Respekt. Dies schafft eine Atmosphäre, die bestimmt, wie die Menschen sich begegnen.

MARIANI Kultur – sei es in der Gesellschaft oder in einem Unternehmen – lässt sich immer auf Verhalten und das alltägliche Leben zurückführen. Sie können schriftliche Normen fixieren, aber letztendlich geht es darum, die zugrunde liegenden Werte zu leben, die die Kultur ausmachen.

VANESSA MARIANI


Vanessa Mariani wechselte im vergangenen Frühjahr als Global Commercial Operations Integration Lead nach Ingelheim. Sie kam von Merial, wo sie für die strategische Planung und Marketing Excellence zuständig war. Ursprünglich aus Mexico City stammend, lebte Mariani einen Großteil ihres Lebens in New York, bevor sie nach Atlanta und schließlich nach Ingelheim zog.

Rogier Biemans wechselte vom Boehringer Ingelheim-Standort in Weesp in den Niederlanden nach Pirbright in Großbritannien. Vanessa Mariani kam aus dem US-amerikanischen Atlanta nach Ingelheim.

 

 

ROGIER BIEMANS


Rogier Biemans ist Leiter des Boehringer Ingelheim-Standorts Pirbright in Großbritannien. Bevor er im August 2017 in den Großraum London zog, arbeitete er als Produktionsmanager am Standort Weesp von Boehringer Ingelheim in den Niederlanden. Biemans verfügt über zwanzig Jahre Erfahrung in Life Sciences sowie in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung und Produktion.

Was sind die Hauptunterschiede in der Kultur von Merial und von Boehringer Ingelheim?

MARIANI Bei Merial ging es beim Planen der täglichen Aktivitäten lockerer zu. Das hat vermutlich damit zu tun, dass das Unternehmen früher ein Joint Venture war. Daher hatte die Organisation einen hohen Freiheitsgrad.

BIEMANS Das sehe ich auch so. Zu Beginn dieses Jahres fand eine Konferenz zum Thema „Global Operations“ in der Merial-Zentrale in Lyon statt. Es war eine dreitägige Konferenz, und jeder wartete darauf, dass eine Agenda verschickt würde. Als wir in Lyon ankamen, warteten wir noch immer auf die Agenda. Es war definitiv informeller und improvisierter als die Leute von Boehringer Ingelheim es gewohnt waren.

MARIANI Ja, und für viele Menschen, die aus einer lockereren Umgebung kommen, kann der straffe Rahmen ein kleiner Schock sein.

Sie haben beide an verschiedenen Standorten gearbeitet. Wie unterscheiden sich die Kulturen?

BIEMANS Boehringer Ingelheim hat eine gemeinsame Unternehmenskultur, aber einige Elemente sind an den einzelnen Standorten einzigartig. Das Land beeinflusst sehr, wie Menschen miteinander umgehen. Die Art des Standorts ist ein weiterer Faktor – ob es sich um einen Produktions- oder Verwaltungsstandort handelt.

MARIANI Mein Gefühl ist, dass die Menschen in der Tiergesundheit generell sehr leidenschaftlich sind, wenn es um diese Branche und um die sozialen Ziele geht, die sie mit ihrer Arbeit verfolgen. Es geht darum, das Richtige zu tun, für Tiere und Menschen. In diesem Sektor arbeiten die Leute an allen Standorten in allen Ländern sehr hart.

Ist es etwas Tiergesundheitsspezifisches, das Richtige zu tun?

MARIANI Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren in dieser Branche, und aus meiner Sicht ist dies sehr typisch für die Tiergesundheit. Aber in meiner Zeit in Ingelheim habe ich bemerkt, dass dies auch sehr typisch für die Unternehmenskultur bei Boehringer Ingelheim im Allgemeinen ist. Wir fragen uns immer: Ist dies die beste Herangehensweise? Was ist der langfristige Gewinn? Und wie passt das zu unserer übergeordneten Strategie? Wir versuchen, das Richtige aus den richtigen Gründen zu tun – langfristig. Es ist gut zu sehen, dass es eine Verbindung zwischen heute und morgen gibt. Das ist nicht in allen Unternehmen so.

BIEMANS Auch hier stimme ich voll zu. In Großbritannien zum Beispiel stellen wir Impfstoffe gegen Maul- und Klauenseuche her. Unsere Abteilung für Veterinary Public Health in Lyon verkauft sie an Regierungen. Diese Impfstoffe können das Leben von Menschen verändern. Für viele sind unsere Produkte wesentlich, wesentlicher als wir uns das manchmal vorstellen können.

Einer der Hauptunterschiede zwischen englischsprachigen Ländern und Deutschland ist die Art, wie sich die Leute auf der Arbeit ansprechen. In Deutschland nutzen wir häufig den Nachnamen und siezen einander, um eine gewisse Distanz zu wahren. Wie finden Sie das?

BIEMANS In Großbritannien verwenden wir nur äußerst selten den Nachnamen, die Atmosphäre ist sehr entspannt. In der Tiergesundheit geht es außerdem noch ein bisschen zwangloser zu als in anderen Bereichen der Pharmabranche, besonders an Produktionsstandorten. Ich mag das. Aber meiner Meinung nach werden Grenzen nicht durch Vor- oder Nachnamen gesetzt. Da gibt es andere Faktoren, die eine Rolle spielen.

MARIANI Richtig. Es geht mehr darum, Respekt zwischen den unterschiedlichen Teammitgliedern auszudrücken. Mein Chef beispielsweise hat einen Doktortitel. Üblicherweise schafft dies eine gewisse Distanz, aber er ist einer der aufgeschlossensten Menschen, die es gibt. Er arbeitet bei uns im Team-Raum. Ob er nun Doktor ist oder nicht, Ingenieur oder Architekt – wirklich wichtig für uns ist sein Engagement. Wir respektieren ihn mehr wegen seiner Arbeit als wegen des Titels.

BIEMANS Ich habe außerdem das Gefühl, dass sich die Dinge in Deutschland ändern. In den 1980er Jahren ging es weitaus formeller zu als heute.

Es ist nicht einfach, zwei Unternehmenskulturen zusammenzubringen. Gab es Teambuilding-Aktivitäten, um den Übergangsprozess zu erleichtern?

MARIANI Als das Tauschgeschäft zwischen Sanofi und Boehringer Ingelheim zum Abschluss kam, veranstalteten verschiedene Länder sogenannte „Day One Events“ und Integrationsworkshops. Unser Team in Ingelheim organisiert vierteljährlich gesellige Aktivitäten, zum Beispiel verabreden wir uns zum gemeinsamen Abendessen.

BIEMANS Als ich nach Großbritannien wechselte, war der Einstieg gut. Die Leute sind sehr nett, offen und geradlinig. In Pirbright bekommt jeder eine Karte zum Geburtstag. Das gab es an meinem früheren Standort in Weesp nicht. Ich mag neue Ideen. Es ist immer gut, das Beste aus beiden Welten zu nehmen und zu nutzen.

Gibt es Stereotype, die aufkommen, wenn Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen zusammenarbeiten?

BIEMANS Die Briten haben sehr viel Humor. Ich glaube aber nicht, dass es sich dabei um ein Stereotyp handelt. Sie schätzen einen lebhaften Austausch; das macht manchmal Spaß, ist aber manchmal auch ein wenig zu viel.

MARIANI Ingelheim ist ein Schmelztiegel von vielen unterschiedlichen Nationalitäten. Bei so vielen verschiedenen Menschen können gar keine Stereotype aufkommen; dafür gibt es keinen Raum.

BIEMANS Jeder Einzelne ist anders. Nur weil jemand aus einem bestimmten Land kommt, heißt das nicht, dass er in eine bestimmte Schublade gehört. Es gibt sehr formelle und informelle Deutsche, es gibt hitzige und gelassene Mexikaner.

MARIANI Ich arbeite mit Menschen aus Kolumbien, Spanien und anderen spanischsprachigen Ländern zusammen, und wir witzeln über den Akzent und die Umgangssprache des jeweils anderen. Aber alles bei guter Stimmung.

BIEMANS Wenn es möglich ist, vergnügt Scherze übereinander zu machen, dann kommuniziert man auf einer Ebene. Entscheidend ist der zugrunde liegende Respekt.