Patienten im Mittelpunkt

Welche Produkte und Services kann Boehringer Ingelheim künftig über das eigentliche Medikament hinaus anbieten? Darum kümmert sich Dr. Oliver Reuß mit seinem Team aus Medizinern, Biologen und Betriebswirten.

Herr Dr. Reuß, warum beschäftigt sich Boehringer Ingelheim überhaupt mit Technologien jenseits des klassischen Medikamentengeschäfts?

DR. REUSS Unser Ziel ist es, den Patienten ganzheitlicher zu versorgen als bisher. Bislang haben wir vor allem für die Medikamente, also für die Behandlung, gesorgt. Seit einigen Jahren sind aber darüber hinausgehende Services und Technologien immer mehr in den Fokus gerückt, bei denen der Patient im Mittelpunkt steht und von einem Zusatznutzen profitiert.

Wie läuft Ihre Arbeit in der Praxis ab?

DR. REUSS Wir arbeiten hier einerseits eng mit den Therapiegebieten in Humanpharma zusammen und definieren gemeinsam Lösungen, wenn wir neue Bedarfe erkennen. Andererseits knüpfen wir Kontakte außerhalb von Boehringer Ingelheim, denn häufig entstehen innovative Ideen in ganz jungen Unternehmen. Über spezielle Partner, sogenannte Accelerators, kommen wir mit diesen Start-ups in Kontakt und können so eine künftige Kooperation in einem sehr frühen Stadium ausloten. So holen wir den Unternehmergedanken ins Unternehmen. In diesem Zusammenhang ist es spannend, dass der Boehringer Ingelheim Venture Fund kürzlich zusätzliche Mittel erhalten hat, um ganz gezielt digitale Gesundheitsideen zu verfolgen.

Um welche Projekte geht es Ihnen denn konkret?

DR. REUSS Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Wir arbeiten derzeit an einem smarten Zusatz für das klassische Stethoskop: Ein kleines digitales Mikrofon wird in das Stethoskop gesteckt und koppelt sich mit dem Smartphone. Algorithmen analysieren dann die Lungengeräusche des Patienten und helfen dem Arzt, Atemwegserkrankungen zu erkennen. Ein Beispiel hierfür ist die idiopathische Lungenfibrose – eine eher seltenere und nicht immer ganz einfach zu diagnostizierende Erkrankung, bei der es jedoch darauf ankommt, den Patienten frühzeitig zu behandeln.

DR. OLIVER REUSS


hat Molekularbiologie studiert und nach seinem Post-Doc in einer Unternehmensberatung gearbeitet. 2008 kam er zu Boehringer Ingelheim. Dort arbeitete er zunächst in der Unternehmensanalyse, bevor er ab 2012 die Strategieentwicklung für das Kerngeschäft vorantrieb. Seit 2014 ist er Leiter der Abteilung Business Model & Health Care Innovation.

Sind auf dem digitalen Feld nicht die großen Technologieunternehmen Vorreiter? Welche Chancen rechnet sich hier Boehringer Ingelheim aus?

DR. REUSS Natürlich gibt es in diesem Bereich einen Riesen-Hype mit sehr vielen digitalen Ideen, die den Patienten in den Mittelpunkt stellen. Da ist die breite Auswahl an Sensortechnologien, die es den Patienten ermöglicht, beispielsweise ihren Blutdruck oder Blutzuckerspiegel einfach und zum Teil auch kontinuierlich selbst zu messen. Andere Ansätze drehen sich um Blockchain, um einen sicheren Umgang mit Patientendaten zu ermöglichen. Bislang kommt diese Technologie vor allem im Finanzsektor im Umgang mit Bitcoins zum Einsatz. Und natürlich ist auch die künstliche Intelligenz ein großes Thema.

Aber in all diesen Bereichen gilt: Wir als Pharmaunternehmen beschäftigen uns im Rahmen der Arzneimittelentwicklung intensiv mit den Herausforderungen für Patienten, Ärzte und das Gesundheitswesen insgesamt. Dadurch sind wir in der Lage, potenzielle Ansätze für Lösungen zu erkennen und selbst oder gemeinsam mit Partnern zu entwickeln. Hinzu kommen unser regulatorisches Know-how und unsere globale Präsenz, die notwendig ist, um ein neues Produkt zu vermarkten. Hier sehen wir unsere Kernkompetenz. Und diesen Wettbewerbsvorteil nutzen wir.