Transformation trifft Tradition

Wilde Skizzen, bunt gestrichene Bürowände, mit Fell bespannte Hocker — bei BI X, dem neuen digitalen Labor von Boehringer Ingelheim, sieht es aus wie in den Räumen eines Start-ups in San Francisco oder Berlin. Das Ziel: innovative, digitale Lösungen für das forschende Pharmaunternehmen zu schaffen. Dabei markiert BI X den Startpunkt für eine Transformation der kompletten Unternehmensgruppe. Die Digitalisierung ist bei Boehringer Ingelheim in vollem Gange.

Wer auf dem Boehringer Ingelheim-Campus in Ingelheim das neue Digital Lab BI X sucht, hat gute Chancen, sich zu verlaufen. 15 Minuten Fußweg sind es vom Werkstor aus. Das Gebäude liegt am Rand eines Wäldchens und ist unscheinbar, wirkt von außen fast altmodisch. Erst im Inneren sieht es aus wie in einem Start-up. Es gibt zwar Schreibtische, doch gearbeitet wird dort, wo es gerade passt: im Foyer, in der Lounge-Ecke oder der Küche am großen Holztisch. Wer spontan eine Idee hat, kann diese jederzeit mit einem Textmarker auf den beschreibbaren Wänden festhalten. Selbst die großen Fenster mit Blick ins Grüne sind mit bunten Zetteln beklebt, damit kein Gedanke verloren geht. Auch die Technik beeindruckt: In fast jedem Raum gibt es Riesenbildschirme mit Touchscreens. Dazu kommen unkonventionelle Arbeitsmittel wie kleine Bausteine, wenn es mal eines schnellen, handfesten Modells bedarf.

BI X ist für Boehringer Ingelheim eine andere Welt. Während auf dem Werksgelände vorwiegend klassische Geschäftskleidung, Laborkittel oder Arbeitsoveralls dominieren, öffnet Dr. Daniel Hach die BI X-Türen in Sneakers und T-Shirt. Der 32-Jährige gehörte zu den ersten Angestellten des Digital Labs und verantwortet als Teil einer vierköpfigen Führungsmannschaft das Tagesgeschäft. Bei unserem Besuch im Oktober 2017 treffen wir Michael Schmelmer1, zu dieser Zeit noch Head of BI X und gleichzeitig Chief Information Officer (CIO) von Boehringer Ingelheim.

Das im Sommer 2017 gegründete Unternehmen ist mit rund 30 Mitarbeitern noch vergleichsweise klein, doch jeden Monat kommen neue Gesichter dazu. Bis Mitte 2018 sollen rund 50 Tech-Talente im Digitallabor arbeiten. Gesucht sind versierte Experten, die das fachliche Branchen- und methodische Digitalisierungswissen mitbringen, aber genauso Vordenker mit der nötigen Leidenschaft, um Initiativen und Visionen mit Überzeugung umzusetzen.

Formal ist BI X zwar eine Tochtergesellschaft von Boehringer Ingelheim, de facto ist das Digitallabor allerdings ein Start-up. Die Synergien mit der Muttergesellschaft schaffen Vorteile und erleichtern den Arbeitsalltag: „Als unabhängiges Unternehmen profitiert BI X stark von den Freiheiten eines Start-ups, gleichwohl aber auch von den erprobten Prozessen eines weltweit führenden Pharmaunternehmens – beispielsweise bei Verträgen oder Zulassungsprozessen“, sagt Schmelmer. „So haben die Mitarbeiter mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit.“ Und genau diese Arbeitsweise ist es, die BI X so deutlich vom Rest des Unternehmens unterscheidet: Die Tech-Experten arbeiten agil, nach neuesten Methoden.

Die Liste der guten Ideen ist lang, deshalb kommen auch die Fenster als Pinnwand zum Einsatz.
Auch ein gescheitertes Projekt kann später über Umwege zum Erfolg führen, wenn wir daraus lernen.
Ziel von BI X ist es, Boehringer Ingelheim mit einer neuen digitalen Bewegung in die Zukunft zu führen. Das Team arbeitet an innovativen Lösungen für das Unternehmen.

INNOVATIONEN GESUCHT: DIE ERSTEN PROJEKTE VON BI X

Die Entwicklungen von BI X laufen in drei Wellen ab, erklärt Michael Schmelmer1. In der ersten Phase stehen Ideen auf dem Plan, die sich sehr eng am Geschäft der Muttergesellschaft bewegen. So haben die BI X-Mitarbeiter beispielsweise eine Software für Forscher entwickelt. Sie erleichtert es, Daten und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus der ganzen Welt zu analysieren und mögliche Zusammenhänge aufzuzeigen. So können beispielsweise bestimmte Proteinansammlungen als mögliche Therapieansätze für Krankheiten erkannt und Medikamente schneller entwickelt werden. Gerade befindet sich die Mannschaft in der zweiten Welle der Ideenfindung. Sie entwickelt neue Ansätze, die noch mit dem Geschäft von Boehringer Ingelheim zu tun haben, aber disruptiv sind und dadurch neue Geschäftsfelder erschließen könnten. So arbeitet das BI X-Team etwa an einer App zur digitalen Früherkennung von Alzheimer.

Ziel ist es, bereits alleine über die Sprache zu erkennen, ob ein Mensch frühe Anzeichen der Erkrankung zeigt. „Alzheimerforschung hat zwar mit dem angestammten Geschäft von Boehringer Ingelheim zu tun, die App ist aber eine Dienstleistung, die es so noch nicht gibt. Außerdem hat so etwas noch keiner vor uns gemacht“, sagt Schmelmer. In der dritten Welle will das Team dann noch weiter gehen und Aufgaben übernehmen, die das Potenzial haben, den „Markt aufzurütteln“, wie Schmelmer es formuliert. „Das kommt erst mit der Zeit, wenn BI X reifer ist. Wir starten mit Themen, die wir einschätzen können. Wenn die Prozesse dann eingespielt sind, wenn das Team weiß, wie BI X funktioniert, dann wagen wir uns an risikoreichere Themen.“ Welche das sein könnten, will er allerdings noch nicht verraten.

Dass das nicht immer sofort zum Erfolg führt, ist Teil des Plans. „Bei BI X ist Scheitern erlaubt“, sagt Schmelmer. „Wir arbeiten bei BI X bewusst an risikoreichen Projekten, die schwer umzusetzen sind. Im Schnitt ist nur die Hälfte unserer Projekte erfolgreich.“ Niederlagen gehören daher zum Lernprozess: „Nicht nur die erfolgreiche Umsetzung zählt. Auch ein gescheitertes Projekt kann später über Umwege zum Erfolg führen, wenn wir daraus lernen.“

Die Fehlerkultur ist Teil der DNA von BI X. Im Eingangsbereich prangt das Manifest in großen Lettern. „Wir packen Herausforderungen jeden Tag an. Wir riskieren und scheitern mit Stolz. Wir spielen nach unseren eigenen Regeln. Wir sind BI X.“ Die Mitarbeiter entwickeln die Mission gemeinsam weiter – ein neuer Weg für Boehringer Ingelheim: „Mir gefällt, dass das Team eigenständig festlegt, was sie erreichen und wie sie arbeiten wollen, wer sie sind und was sie vorhaben“, sagt Schmelmer. Gerade in großen Konzernen sei es nicht üblich, dass Mitarbeiter aller hierarchischen Ebenen gemeinsam strategische Entscheidungen treffen. Auch für Schmelmer ist es nicht immer leicht, die Entscheidungsfreiheit der BI X-Mitarbeiter zu akzeptieren: „Es ist für mich ein Lernprozess, Dinge laufen zu lassen. Doch ich versuche, nicht in das Tagesgeschäft von BI X einzugreifen.“

Das Thema Digitalisierung ist für Boehringer Ingelheim von strategischer Bedeutung. Mit BI X möchte das Unternehmen seinen Patienten künftig noch bessere Behandlungsoptionen anbieten. Ziel ist es, die Expertise eines global forschenden Pharmaunternehmens mit Technologie-Know-how zu vereinen und dieses neu gewonnene Wissen nachhaltig in das klassische Pharmageschäft zu integrieren. Boehringer Ingelheim sieht hier ein starkes Weiterentwicklungspotenzial für die gesamte Organisation im Sinne der Kunden. Ohne die Unterstützung durch das Top-Management und das gemeinsame Streben mit dem gesamten Unternehmen sei das aber nicht möglich, so Schmelmer.

Die Geburtsstunde von BI X war im Frühjahr 2016. Aus der Idee, das Thema Digitalisierung für Boehringer Ingelheim zu strukturieren, erwuchs schnell der Wunsch, mehr zu machen. Zu diesem Zweck formierte sich ein kleines Team von Kollegen mit digitaler Affinität und externen Experten, die gemeinsam das Konzept zu BI X entwickelten. Auch Daniel Hach, damals noch externer Berater, war mit an Bord: „Wir haben gemeinsam viel diskutiert, was Boehringer Ingelheim für die digitale Transformation benötigt“, erinnert er sich. „Die ersten Wochen haben wir nur Ideen gesammelt. Schnell war klar: Wir wollen aktiv werden.“

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Anfangs ging es um grundlegende Dinge: Welche Räumlichkeiten, Technologien und Mitarbeiter sind notwendig? Wie muss der Aufbau des Unternehmens aussehen? Und: Ist Ingelheim überhaupt der richtige Ort dafür? Es stellte sich rasch heraus, dass BI X die Nähe zur Muttergesellschaft am Hauptsitz braucht. Das passende Gebäude fand das BI X-Team im ehemaligen Gästecasino, das bis dato nur noch sporadisch für unternehmensinterne Fortbildungen im Einsatz war. Der Umbau dauerte vier Monate, im Juni 2017 zog die BI X-Mannschaft ein.

Zum Team gehört auch die Software-Spezialistin Maria Apsolon aus Estland, die im Oktober 2017 zu BI X kam. Als Frontend-Entwicklerin setzt sie das Design der entwickelten Ideen digital um. Gerade arbeitet sie an einer Plattform, über die Arzneimittelforscher Daten sammeln, strukturieren und untereinander austauschen können. Als sie bei BI X anfing, war sie die einzige Frontend-Entwicklerin. Ein hoher Druck, wie sie rückblickend sagt: „Wir arbeiten hart und viel. Doch das ist es wert, denn wir entwickeln Produkte, die etwas bewirken.“

Jeden Morgen stimmt sich das BI X-Team zu den Prioritäten des Tages ab.

Was BI X ihrer Meinung nach vor allem auszeichnet, ist die besondere Arbeitsweise. Die Tech-Experten arbeiten agil mit der sogenannten Scrum-Methodik. „Zu Beginn einer Projektphase, die in der Regel zwei Wochen dauert“, so Apsolon, „gibt es lediglich ein klar definiertes, messbares Ziel. Die einzelnen Projektschritte sind allerdings flexibel und entstehen erst im Laufe des Prozesses.“ Für jedes Projekt werden die Mitarbeiter jedes Mal aufs Neue in Teams eingeteilt, die aus Data-Scientists, Scrum-Mastern, Front- und Backend-Entwicklern sowie User-Experience-Designern bestehen. Jeden Tag treffen sich alle gemeinsam zu einem sogenannten „Daily Stand-up“: Kurz und knapp erklärt jeder Mitarbeiter seine Prioritäten für den Arbeitstag. Am Ende der Projektphase schaut das Team gemeinsam auf die Ergebnisse und entscheidet, ob es die Marschrichtung des Projekts anpasst oder nicht. Der Fortschritt ist im Foyer für jeden Mitarbeiter zu sehen: Auf drei großen Bildschirmen ist der Stand des Prozesses abgebildet. „Jedes Team setzt sich selbst die Ziele für die jeweilige Woche“, sagt Schmelmer. „Hier herrscht eine immense Performance-Kultur. Alle wollen etwas bewegen, das spürt man richtig.“

Als Ausgleich gönnt sich die Mannschaft immer wieder kleine Auszeiten. Einmal pro Woche geht das Team gemeinsam abendessen und probiert verschiedene Restaurants der Umgebung aus. Falls es bei einem Projekt mal hakt, kommt der Tischkicker im Foyer zum Einsatz: „Wenn wir verschiedene Vorstellungen haben, spielen wir. Der Gewinner entscheidet“, scherzt Apsolon.

Die Frontend-Entwicklerin ist die einzige Estin im Team. Ihre Kolleginnen und Kollegen stammen aus Ländern wie den USA und den Niederlanden, aus Spanien, Österreich, Ungarn oder Bulgarien. Die BI X-Bürosprache ist Englisch. Dass so viele Nationalitäten zusammenarbeiten ist kein Zufall. Boehringer Ingelheim setzt bereits seit Jahren auf Diversität. Das Unternehmen ist überzeugt davon, dass Vielfalt ein wichtiger Treiber für Innovation und Wachstum ist.

Internationale Talente sind aber auch international gefragt. Sicherlich würden die wenigsten von ihnen spontan Ingelheim als Wunscharbeitsort nennen. „Das ist eine der größten Herausforderungen von BI X, denn wir brauchen die richtigen Leute, um erfolgreich zu sein“, sagt Schmelmer. Er will die Talente mit spannenden Inhalten locken: „Bei uns können die Leute etwas verändern. Sie arbeiten an Lösungen, die potenziell Leben retten.“

Die Pläne der BI X-Mannschaft sind schier grenzenlos: „Im laufenden Jahr wollen wir so viele Projekte wie möglich umsetzen, und Boehringer Ingelheim wird uns helfen, diese Ideen groß zu machen“, sagt Daniel Hach. Doch die Starthilfe wirkt auch in die andere Richtung. So verbreitet BI X den unternehmerischen Geist und die innovativen Arbeitstechniken aus dem digitalen Labor im gesamten Unternehmen, denn eines ist klar: Die Start-up-Qualitäten „agil, flexibel und ergebnisorientiert“ stellen auch für ein Traditionsunternehmen wie Boehringer Ingelheim die künftigen Erfolgsfaktoren dar.

MIT BITS UND BYTES IN DIE ZUKUNFT

Boehringer Ingelheim will digitale Potenziale voll ausschöpfen und baut dabei auf mehrere Initiativen. Wir stellen eine Auswahl vor.

 

BI X

Als unabhängige Tochtergesellschaft bringt BI X intelligente Gesundheitslösungen in den Geschäftsfeldern Humanpharmazeutika, Tiergesundheit und Biopharmazeutika voran. Um eine digitale Geschäftsidee zu entwickeln, können sich die Bereiche an BI X wenden. Das Digitallabor hilft ihnen dabei, die Idee zu konkretisieren, und liefert Prototypen für neue Produkte. Scheitern ist dabei ausdrücklich erlaubt – entscheidend ist, neue Technologien auszuprobieren und so möglicherweise auch über Umwege zum Ziel zu gelangen.

Business Model & Health Care Innovation

Das in der Geschäftseinheit One Human Pharma angesiedelte Innovationsteam arbeitet eng mit den einzelnen Therapiegebieten zusammen. So können die Experten Bedarfe früh erkennen und

gemeinsam mit Partnern an zielgerichteten Lösungen arbeiten. Dabei konzentrieren sie sich stark auf digitale Gesundheitslösungen auf Basis moderner Informations- und Kommunikationstechnologie (siehe Interview mit Dr. Oliver Reuß).

Accelerate

Mit der IT-Initiative Accelerate nutzt Boehringer Ingelheim das innovative Potenzial aller Mitarbeiter weltweit. Jeder kann dort Vorschläge für digitale Innovationen einreichen, über die eine interdisziplinäre Jury entscheidet. Die Einreicher müssen dann ihren Vorschlag innerhalb des gewünschten Zeitraums umsetzen. Meist handelt es sich um drei Monate. Im Anschluss berichten sie von ihren Erfahrungen – auch wenn das Projekt in der Zwischenzeit gescheitert sein sollte, denn wichtig ist, dass alle voneinander lernen (siehe Text zum Hololens-Projekt).