Zeit für Neues

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen. Völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, bisher unbekannte Akteure drängen in den Markt, Prozesse werden auf den Kopf gestellt. Boehringer Ingelheim hilft, diesen Wandel zu gestalten, und ist längst selbst Erneuerer. Forscher entwickeln mithilfe künstlicher Intelligenz Moleküle am Bildschirm. Die Produktion wird smart. Und mit digitalen Helfern verbessern wir die Gesundheit von Mensch und Tier. Nicht zuletzt verändert sich das Arbeiten selbst – es wird agiler und kreativer.

Klinische Studien von Boehringer Ingelheim in den USA? Laufen demnächst über PC und Smartphone. Probanden melden sich mit der App NORA an, tauschen sich live mit Ärzten aus. Die Mediziner erklären ihnen online, wie sie Arzneien einnehmen müssen oder was bei Nebenwirkungen zu tun ist. Niemand muss im Studienzentrum vorstellig werden, alles geht virtuell, per Telemedizin: schnell und einfach. NORA gehört zur digitalen Plattform des US-Startups Science37, mit dem sich Boehringer Ingelheim Anfang 2019 zusammengetan hat.

Das ist nur eins von vielen Beispielen, das zeigt, wie grundlegend die Digitalisierung das Gesundheitswesen verändert. Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim transformieren ihre Prozesse und Produkte, werden zunehmend digital. Umgekehrt wenden sich Digitalunternehmen dem Gesundheitswesen zu. Google zum Beispiel ist unter anderem am Telemedizinprojekt „Doctor on demand“ beteiligt, bei dem sich US-Patienten per Smartphone-App von Ärzten beraten lassen können. Über das Unternehmen Verily sucht der Konzern nach neuen Ansätzen zur frühzeitigen Erkennung und Behandlung von Erkrankungen – natürlich mithilfe großer Datenmengen, einer Königsdisziplin des Suchmaschinenbetreibers.

Damit wagen sich Google – und übrigens auch andere Silicon-Valley-Firmen – auf das Feld von Medizintechnikern und Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim. Und anstatt nur zu beobachten, wie disruptive Technologien die bestehenden Geschäftsmodelle verändern, nimmt Boehringer Ingelheim eine aktive Rolle im Innovationsprozess ein.

„Unser Ziel ist es, die Möglichkeiten der neuen Technologien im Bereich der Forschung, der Entwicklung – insbesondere der klinischen – aber auch in der Begleitung des Patienten während der Therapie einzusetzen“, sagt Hubertus v. Baumbach, Vorsitzender der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim. „So glauben wir, Diagnose und Therapie noch präziser entwickeln zu können.“

Das funktioniert, weil die moderne Medizin auch Datenverarbeitung ist. Was tut der Internist, der einen Patienten untersucht, anderes als systematisch Körperfunktionen zu überprüfen und sie mit Normwerten zu vergleichen? Was macht ein Radiologe, wenn er ein Röntgenbild betrachtet? Er versucht, Muster zu erkennen. Und ein Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim? Sucht neue Wirkstoffe, indem Forscher tausende Molekülvarianten durchtesten und jeden Effekt genau protokollieren. Ohne die Arzneimittelforschung gäbe es unzählige Erkenntnisse aus Laborversuchen und klinischen Studien nicht, auch wenn Unternehmen den Fundus noch längst nicht immer vollständig nutzen. Klar ist aber: Medizin entsteht aus Daten.

Die digitale Technik schickt sich nun an, Menschen einen immer größeren Teil der mühevollen Mustererkennung und Datenarbeit abzunehmen, erklärt Matthias Schönermark. Der Arzt ist Inhaber der SKC Beratungsgesellschaft in Hannover, die sich auf die Strategieberatung von Pharmaunternehmen, Krankenversicherern und Medizintechnikern spezialisiert hat. Hubertus v. Baumbach ergänzt: „Weil durch die Digitalisierung völlig neue Daten verfügbar werden, können wir unsere Patienten in Zukunft zielgerichteter behandeln. Die Erkenntnisse aus diesem Datenschatz werden künftig die Profile neuer Medikamente bestimmen.“

„Weil durch die Digitalisierung völlig neue Daten verfügbar werden, können wir unsere Patienten in Zukunft zielgerichteter behandeln.“

Hubertus von Baumbach,
Vorsitzender der Unternehmensleitung

Das Unternehmen, sagt v. Baumbach, treibt deshalb einen grundlegenden Wandel voran: „Für uns ist Digitalisierung ein wichtiges Zukunftsthema“ (siehe Interview, Seite 8 bis 10). Nicht umsonst begibt sich der BI Venture Fund, der für den Konzern in vielversprechende Unternehmungen investieren soll, auch immer wieder auf die Suche nach digitalen Innovationen. Mit dem digitalen Labor BI X hat der Konzern einen eigenen Inkubator für neue Ideen. Digitalisierung ist im gesamten Unternehmen angekommen.

So arbeiten Digitalexperten des Konzerns an der Auskultationshilfe, die Ärzten hilft, seltene Lungenkrankheiten zu diagnostizieren, und an einem Programm zur Erkennung von Schweinehusten. Die IT-Expertin und Medizinerin Prof. Dr. Sylvia Thun, seit Kurzem Direktorin für E-Health und Interoperabilität am Berlin Institute of Health, sieht das Zeitalter der „Schwarmintelligenz“ im Gesundheitswesen heraufziehen. „Künstliche Intelligenz unterstützt Ärzte bei der Diagnose“, sagt Thun. „Mediziner vernetzen sich und greifen auf das Wissen ihrer Kollegen weltweit zu. Das ist Data-Driven Medicine.“

Digitalisierung spielt auch eine zentrale Rolle in der Medikamentenentwicklung. Hier wertet die Software NTC Studio Patientendaten, klinische Studien und Forschungsarbeiten aus und bringt die Entwickler auf neue Ideen. Ihre Kollegen nutzen künstliche Intelligenz, um mit dem „smarten Assistenten“ ADAM dreidimensionale Molekülmodelle zu bauen. Diese können sie am Bildschirm verändern und ihre Eigenschaften testen.

Wie in anderen Industrien hat die Digitalisierung auch die Produktion erfasst. „Industrie 4.0“ und die „Smart Factory“ halten Einzug in die Medikamentenherstellung. In der neuen „Launch Facility“ in Ingelheim, die 2020 die Arbeit aufnehmen soll, werden intelligente Robotiksysteme bald schon Medikamente in kleinsten Losgrößen abfüllen. Techniker tragen dazu Virtual Reality Datenbrillen, die ihnen helfen, die Verpackungsmaschinen zu justieren.

Nicht zuletzt verändert die Digitalisierung die Art, wie Menschen bei Boehringer Ingelheim zusammenarbeiten. Der Tiergesundheitsstandort in Lyon, Frankreich, macht vor, wie ein digitales Büro der Zukunft aussehen kann. Im gerade eröffneten BI CUBE in Ingelheim lassen sich Mitarbeiter zu „Agile Facilitators“ ausbilden und tragen moderne Ansätze des Design Thinking in die Organisation.

„Mediziner vernetzen sich und greifen auf das Wissen ihrer Kollegen weltweit zu. Das ist Data-Driven Medicine.“

Prof. Dr. Sylvia Thun,
Berlin Institute of Health

So beteiligt sich Boehringer Ingelheim an der Erneuerung der eigenen Branche – wieder einmal. Innovation, sagt Hubertus v. Baumbach, ist für das Unternehmen seit jeher ein Leitprinzip. Mit dem Kauf einer Weinsteinfabrik 1885 steigt Firmengründer Albert Boehringer in die Produktion von Weinstein und Weinsäure ein. Das Interesse gilt aber schon bald der Herstellung von Zitronensäure und wenig später der Ausarbeitung eines bakteriellen Verfahrens für die Aufnahme der Milchsäureproduktion. Eine aus damaliger Sicht abenteuerliche und riskante Entscheidung – die sich aber auszahlen sollte. Mut und Innovationskraft beweist das Unternehmen auch Anfang der 1970er, als es sich von der Milchsäure verabschiedet – und erneut 1986, als es die damals größte Produktion für Biopharmazeutika in Europa baut. Jetzt erfasst die Digitalisierung die Branche. Und Boehringer Ingelheim, wo Wandel und Fortschritt tief in der DNA des Unternehmens verankert sind, wappnet sich nicht einfach nur für das neue, digitale Gesundheitswesen, sagt v. Baumbach. „Wir freuen uns auf diese Zukunft.“

 

Glossar

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)

Selbstlernende Computerprogramme, deren Algorithmen autonom Muster erkennen und sich dabei ständig verbessern, weil sie einmal gemachte Fehler vermeiden.

BIG DATA

Massenhaft vorliegende, unstrukturierte Daten, etwa Ergebnisprotokolle von Experimenten, Patientendaten aus klinischen Studien oder Messwerte

von Produktionsanlagen.

ROBOTIK

Ersatz menschlicher Arbeit durch intelligente Maschinen. Moderne Industrieroboter bei Boehringer Ingelheim sind „kollaborativ“. Menschen können mit ihnen zusammenarbeiten.

KOLLABORATION

Digitale Netzwerke, in denen Menschen Informationen austauschen, etwa zu Medikamenten, Krankheitsbildern oder Forschungsfragen. Der Nutzen steigt mit der Zahl der Teilnehmer.

VIRUTELLE REALITÄT (VR)

Computergenerierte 3D-Darstellung in Echtzeit – wie die Simulation einer Fabrik, die noch gar nicht gebaut ist. VR-Einblendungen ins natürliche Sichtfeld heißen „Augmented Reality“.