IM TEAM DIE NÄCHSTE KRISE VERHINDERN

Gängige Antibiotika versagen gegen multiresistente Keime. Die Welt braucht neue Wirkstoffe, allerdings werden kaum noch neue Antibiotika entwickelt. Um die Forschung voranzutreiben, investieren 20 Arzneimittelhersteller gemeinsam fast eine Milliarde US-Dollar – darunter auch Boehringer Ingelheim.

Seit Anfang 2020 bestimmt die COVID-19- Pandemie nicht nur die Schlagzeilen, sondern scheint auch die ganze Kraft der internationalen Forschungsgemeinschaft einzunehmen. Allerdings steht die Welt am Rande einer weiteren drohenden Gesundheitskrise, nämlich der antimikrobiellen Resistenzen, kurz AMR. Bakterielle Infektionen lassen sich immer schlechter oder gar nicht mehr mit existierenden Antibiotika behandeln, denn die Keime sind gegen die gängigen Wirkstoffe resistent geworden. Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat Antibiotika-Resistenzen als „langsamen Tsunami“ bezeichnet, „der ein Jahrhundert an medizinischem Fortschritt zunichtemachen könnte“. Routineeingriffe wie Knieoperationen etwa könnten – ähnlich wie im 19. Jahrhundert – lebensbedrohlich werden, weil die zur Infektionsprophylaxe eingesetzten Antibiotika nicht sicher wirken.

WAS IST AMR - UND WO ENTSTEHT ES?

ANTIMIKROBIELLE RESISTENZEN

Immer mehr bakterielle Infektionen lassen sich kaum noch oder gar nicht mehr mit existierenden Antibiotika behandeln.

WIE ENTSTEHEN RESISTENZEN?

Resistenzen sind eine natürliche Folge der Evolution. Sie entstehen, weil beim Einsatz von Antibiotika stets einige wenige Bakterien überleben. Diese Bakterien sind immun gegen das verwendete Medikament – und können sich dann weiterverbreiten.

WARUM WERDEN SO WENIGE NEUE ANTIBIOTIKA ENTWICKELT?

Noch sind Wirkstoffe auch gegen „Superbugs“ vorhanden, also fehlt der akute Bedarf nach neuen Antibiotika. Neue Antibiotika werden nur sparsam eingesetzt, um ihre Wirksamkeit zu erhalten. Zudem erfordern neue Wirkstoffe langwierige, teure Grundlagenforschung.

Der Antibiotika-Markt folgt paradoxen Regeln

Es fehlt an innovativen Wirkstoffen, die Welt benötigt dringend neue Antibiotika. Allerdings sind nur wenige in der Pipeline. Das hat mehrere Gründe: Es ist wissenschaftlich komplex und sehr teuer, neue, antibiotische Wirkstoffe zu erforschen – der Ausgang solcher Projekte ist mehr als ungewiss. Derweil sind die meisten bakteriellen Erkrankungen bislang noch mit konventionellen Antibiotika behandelbar. Die wenigen neuen Antibiotika, die es gibt, werden nur sparsam eingesetzt, um ihre Wirksamkeit zu erhalten. Paradoxerweise hat das dazu geführt, dass eine Reihe von auf die Antibiotikaforschung fokussierten Biotechnologieunternehmen sich wieder aus dem Forschungsfeld zurückgezogen haben. Einige gingen sogar in die Insolvenz. Denn obwohl der Bedarf langfristig da ist, gab es keinen Markt für ihre Produkte. „So sind wertvolles Fachwissen und wichtige Ressourcen verloren gegangen“, sagt Hubertus von Baumbach, Vorsitzender der Unternehmensleitung Boehringer Ingelheim.

Ein gemeinsamer Fonds soll helfen

Die Pharmabranche ist sich über das Problem im Klaren und weiß um die drohende Krise. 20 Arzneimittelhersteller haben deshalb einen gemeinsamen Fonds ins Leben gerufen, den „AMR Action Fund“. Der Fonds ist mit fast einer Milliarde US-Dollar Risikokapital für Biotechnologieunternehmen ausgestattet – auch Boehringer Ingelheim ist beteiligt. „Das Ziel ist Anreize zu schaffen und dazu beizutragen, dass bis 2030 mindestens zwei bis vier neuartige Antibiotika auf den Markt kommen“, sagt von Baumbach. „Wir verstehen diese Initiative als Impuls für die globale Gemeinschaft.“ Der Fonds arbeitet auch mit Regierungen zusammen. „So können wir sicherstellen, dass es eine nachhaltige Pipeline für neue Antibiotika im Kampf gegen sogenannte Superbugs gibt“, erläutert von Baumbach. Denn das Thema ist wichtig, auch wenn es selten die Schlagzeilen bestimmt.

Wer?
20 große Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim, Bayer oder Merck.

Wie viel?
Rund eine Milliarde US-Dollar.

Was?
Der AMR Action Fund investiert in kleine Biotechnologiefirmen, unterstützt sie mit Know-how in der klinischen Forschung, bei Produktion, Zulassungsverfahren und Vermarktung.

Warum?
Ziel ist es, die Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern. Bis 2030 sollen mindestens zwei bis vier neue Antibiotika gegen resistente Erreger entwickelt sein.