Mit den Augen einer Mutter

Randye Kaye ist Mutter eines Sohnes, bei dem paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde. Sie kennt die Herausforderungen im Vorfeld einer Diagnose und die Probleme beim Umgang mit der Krankheit. Auch Boehringer Ingelheim kennt diese Schwierigkeiten und setzt auf die Möglichkeiten der digitalen Technologien, um neue Wege zu gehen.

Randye Kaye beginnt ihre Vorträge in der Regel mit folgenden Worten: „Nehmen Sie einmal an, Sie haben ein Kind. Stellen Sie sich vor, wie Ihr Baby aufwächst und immer erwachsener wird.“ Sie macht eine kurze Pause, dann fährt sie fort: „Und jetzt stellen Sie sich vor, Ihr Kind ist in der Pubertät und fängt an sich auffällig zu verhalten. Es zieht sich zurück, wird schlechter in der Schule und die Freunde werden weniger.“

In den meisten Fällen ist dies ein ganz normales Verhalten. Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Kinder in der Pubertät merkwürdig verhalten. Normalerweise pendelt sich das nach ein paar Jahren wieder ein – aber manchmal auch nicht. Manchmal kann dieses Verhalten auch das erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung sein. Randye Kaye hat genau das erlebt: Bei ihrem Sohn Ben wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Heute unterstützt sie Familien mit ähnlichen Schicksalen und Erlebnissen. Denn sie weiß, wie sich diese Familien fühlen: „Es ist wirklich herzzerreißend zu erleben, wie das eigene Kind eine psychische Krankheit entwickelt. Das stellt die ganze Familie vor eine enorme Herausforderung. Selbst alltägliche Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen, können für Ben extrem schwierig sein.“

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Die Einnahme von antipsychotischen Medikamenten kann die Symptome unterdrücken und einen geregelten Alltag ermöglichen. Je früher die Behandlung in solchen Fällen beginnt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Doch genau die frühe Diagnose kann ein Problem sein – die ersten Symptome sind zu unspezifisch. Die Patienten wirken apathisch oder leiden an Schlafstörungen und Lustlosigkeit. Diese Symptome werden häufig als Phänomene der Pubertät fehlinterpretiert. Boehringer Ingelheim verfolgt daher einen Forschungsansatz, der über die Entwicklung von Medikamenten hinausgeht. Ziel ist es, Ärzte bei der Frühdiagnose psychischer Störungen zu unterstützen.

Es ist wirklich herzzerreißend zu erleben, wie das eigene Kind eine psychische Krankheit entwickelt.

Randye Kaye

Den Schwung der Digitalisierung nutzen

Dr. Cornelia Dorner-Ciossek von der Forschungsgruppe Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) bei Boehringer Ingelheim ist an diesem Ansatz maßgeblich beteiligt. Sie sieht durch den Einsatz digitaler Technologien im Bereich der Neurowissenschaften große Chancen: „Der Einsatz digitaler Technik stimmt mich optimistisch für die Zukunft der Hirnforschung. Dank des technologischen Fortschritts sind Smartphones inzwischen weitverbreitet und haben vielfältige Funktionen. Unser Forschungsteam untersucht aktuell wie wir diese Technologie am besten nutzen können, um sowohl psychische Erkrankungen zu diagnostizieren als auch den Betroffenen zu helfen damit umzugehen.”

Ein Ansatz von Boehringer Ingelheim zur Verbesserung der Frühdiagnose ist die digitale Sprachanalyse. Die Art und Weise, wie Menschen sprechen, wird durch ihre Fähigkeit klar zu denken bestimmt. Krankheiten wie Schizophrenie, Alzheimer und viele andere psychische Erkrankungen beeinflussen diese Fähigkeit, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Besonders Menschen mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf zeigen viele charakteristische Veränderungen in ihrer Sprache. Ziel der Software ist, auffällige krankheitstypische Veränderungen in Satzstruktur, Rhythmus und Intonation frühzeitig zu erkennen, bevor diese für das menschliche Ohr überhaupt wahrnehmbar sind. Randye Kaye kennt die Bedeutung einer frühen Diagnose. Bis ihr Sohn seine Diagnose erhielt, dauerte es mehrere Jahre, viele Arztbesuche und unangenehme Gespräche mit Psychiatern. Sie erinnert sich noch gut an diesem Moment: „Herauszufinden, dass das eigene Kind tatsächlich eine psychische Krankheit hat, ist schrecklich. Niemand wünscht sich, dass bei einer geliebten Person solch eine Krankheit diagnostiziert wird. Aber nach all den Jahren der Unsicherheit war es auch eine Erleichterung, endlich zu wissen, was eigentlich los ist. So konnten wir beginnen nach Behandlungsmöglichkeiten zu suchen – das hat uns Hoffnung gegeben.”

Dr. Cornelia Dorner-Ciossek forscht im Bereich ZNS.

Mehr Lebensqualität für Betroffene

In Zukunft könnten digitale und smarte Technologien Patienten mit Schizophrenie bei der Behandlung ihrer Krankheit unterstützen. Dr. Bernd Sommer, Boehringer Ingelheims globaler Forschungsleiter für Erkrankungen des zentraler Nervensystems, sieht dafür eine große Chance durch die Weiterentwicklungen im Bereich Big Data. Forscherteams haben heute Zugang zu komplexen Patientendatensätzen, die unter realen Bedingungen gesammelt wurden – erst ermöglicht durch das Smartphone. „Wir sind heute in der Lage, die alltäglichen Probleme von Patienten mit Schizophrenie digital zu analysieren. Das bedeutet, dass die psychiatrische Praxis immer weniger auf einen physischen Raum begrenzt ist“, erklärt Sommer.

„Wir bewegen uns in einem Bereich, der höchste Sorgfalt bei der Beurteilung potenzieller Wirkung neuer Medikamente erfordert. Zwei Elemente, bestimmen daher unser klinisches Studiendesign besonders: zum einen die Technologie, die uns präzise Messungen ermöglicht, zum anderen der Input und die Erkenntnisse von Menschen, die persönlich von psychischen Krankheitsbildern betroffen sind“, sagt Dr. Stephane Pollentier, Leiter für medizinische Entwicklung CNS. „Nur so können wir verstehen, was für die Patientinnen und Patienten wirklich wichtig ist.“

Die neuen Möglichkeiten könnten den Umgang der Betroffenen mit ihrer Krankheit grundlegend verbessern. Weil die Symptome der Schizophrenie in wiederkehrenden Schüben auftreten, ist das Krankheitsbild ein Wechselspiel aus Höhen und Tiefen. Das Smartphone könnte durch die Analyse des Mobilitäts- und Sozialverhaltens der Patienten helfen, erste Anzeichen eines bevorstehenden Rückfalls früh zu erkennen. Randye Kaye hat diese Herausforderungen selbst erlebt. Das richtige Timing kann selbst für enge Familienmitglieder schwierig sein. „Diese Technologien könnten eine enorme Erleichterung für den Alltag von Menschen mit Schizophrenie und ihre ganze Familie bieten. Eine genauere Kenntnis über den Krankheitsverlauf könnte helfen, rechtzeitig einzugreifen. Das gäbe Menschen wie meinem Sohn die Möglichkeit, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen“, beurteilt sie die möglichen Auswirkungen.

Der Einsatz digitaler Technik stimmt mich optimistisch für die Zukunft der Hirnforschung.

Dr. Cornelia Dorner-Ciossek

Anhaltendes Engagement

Die Hirnforschung ist eines der anspruchsvollsten und komplexesten Gebiete der Wissenschaft. Das Gehirn enthält Milliarden von Nervenzellen und Nervenfasern, die durch Billionen von Verbindungen bzw. Synapsen miteinander verbunden sind. Aufgrund der äußerst komplexen Natur des Gehirns sind die Misserfolgsraten in der klinischen Entwicklung hoch. Rückschläge sind häufiger als Durchbrüche – und das Angebot zur Behandlung und Unterstützung ist nach wie vor unzureichend.

„Die Tatsache, dass wir das Privileg haben, in einem Gebiet mit so viel medizinisch ungedecktem Bedarf zu arbeiten, erfüllt mich mit Respekt“, erklärt Dr. Michael Sand, der für mehrere klinische Programme verantwortlich ist. „Das Wissen um die Bedeutung dieser Arbeit und die vielversprechenden Schritte, die bereits erreicht wurden, motivieren mich. Bei Boehringer Ingelheim bleiben wir im Bereich der Hirnforschung weiterhin stark engagiert.“ Das macht Randye Kaye Hoffnung: „Ich habe gesehen, dass sich viele Pharmaunternehmen aus dem Gebiet der Neuroforschung zurückgezogen haben. Dass Boehringer Ingelheim weiterhin an Lösungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen forscht, gibt mir viel Hoffnung.”