Pionier hoch zwei

Prof. Dr. Dr. Rolf G. Werner ist Visionär und Pionier. Er baute Anfang der 1980er-Jahre den Biopharma-Standort in Biberach auf und ebnete dem Unternehmen in der biopharmazeutischen Auftragsproduktion den Weg in Europa, den USA und China.

Es ist das Jahr 1983: Rolf G. Werner macht sich bei der Unternehmensleitung dafür stark, in Biberach in eine Pilotanlage zur Herstellung von Biopharmazeutika zu investieren – die erste ihrer Art in Europa und bei Boehringer Ingelheim. Der Bau dieser bis dato modernsten und größten biotechnischen Anlage kostet umgerechnet rund 77 Millionen Euro – eine enorme Summe in der damaligen Zeit. Oft steht Werner später vor der Baustelle und sorgt sich: „Ob das wohl alles klappen wird?“ Die Bioreaktoren waren eine Wette auf die Zukunft: Denn biopharmazeutisch hergestellte Medikamente aus Zellkulturen sollten den Durchbruch für schwer therapierbare Krankheiten bringen. Derartige Biopharmazeutika waren damals in Deutschland noch nicht zugelassen.

Werner handelt überlegt und vorsichtig – er ist ein typischer Schwabe. Doch wenn er von etwas überzeugt ist, legt er seine Zurückhaltung ab. „Wenn man Medikamente entwickelt, die die Ursachen der Krankheit beheben sollen, dann ist Gentechnik der nächste logische und rationale Ansatz“, davon ist Werner Mitte der 1980er-Jahre als Projektleiter der Kooperation mit dem Biopharmazie-Unternehmen Genentech aus Kalifornien überzeugt. Gemeinsam arbeiten Deutsche und Amerikaner in Biberach mit Zellkulturen an biopharmazeutischen Wirkstoffen. Damit betreten sie Neuland innerhalb des Unternehmens. „Boehringer Ingelheim war zu diesem Zeitpunkt ein chemisch-pharmazeutisches Unternehmen“, sagt Werner. Für die Chemiker im Unternehmen habe es ein Umdenken bedeutet, dass nun auch Biotechnologen und Gentechniker mitreden durften.

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Doch die größten Widerstände gibt es außerhalb des Werksgeländes. „Die Bevölkerung war lange Zeit gegen gentechnisch hergestellte Medikamente“, erinnert sich Werner. Er ging also an Volkshochschulen und beantwortete geduldig die besorgten Fragen von Bürgerinnen und Bürgern – und das waren eine ganze Menge. „Mein durchschlagendes Argument war immer der Nutzen der gentechnischen Forschung für die Patientinnen und Patienten“, erklärt Werner.

Doch damit sind längst nicht alle Probleme aus der Welt geschaffen: Es galt, das Gentechnik-Gesetz an den biopharmazeutischen Fortschritt anzupassen. Gemeinsam mit dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) treiben Werner und sein Team diese Änderungen voran. 1990 beschließt der Bundestag dann eine Gesetzesänderung, die passende Rahmenbedingungen für Biopharmazeutika schafft.

Wenn man Medikamente entwickelt, die die Ursachen der Krankheit beheben sollen, dann ist Gentechnik der nächste logische und rationale Ansatz.

Prof. Dr. Dr. Rolf G. Werner

Das Fundament für eine Erfolgsgeschichte war gelegt. Aus den anfänglichen 300 Teammitgliedern in Biberach ist ein Geschäftsbereich mit rund 4.000 Mitarbeitenden an vier Standorten weltweit geworden – Tendenz steigend. Mehr als 35 verschiedene biopharmazeutische Therapeutika, die Patienten weltweit nutzen, hat Boehringer Ingelheim inzwischen hergestellt.

Doch damit ist die Geschichte von Werner noch längst nicht zu Ende erzählt. Denn der Biopharma-Pionier treibt seit den frühen 1990er-Jahren noch ein weiteres Thema voran: die Erschließung der asiatischen Märkte. Schon früh erkennt er das enorme Potenzial des wachsenden Weltmarktes China und beginnt dort Kontakte zu knüpfen. Bald berufen die ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel ihn in ihre Beraterkreise für die Geschäftsentwicklung deutscher Unternehmen in der Volksrepublik. So reist er noch häufiger ins Reich der Mitte. Auch bei Boehringer Ingelheim macht er sich dafür stark, mit der Biopharmazie nach China zu expandieren.

Am Standort in Schanghai produziert Boehringer Ingelheim Biopharmazeutika nach globalen Standards.

China zeigt sich von Anfang an sehr aufgeschlossen, was neue Technologien angeht, erinnert sich Werner. Dennoch muss Boehringer Ingelheim im Laufe der Zeit immer wieder Pionierarbeit für die Auftragsentwicklung und Produktion leisten. Bis dato war es einem Zulassungsinhaber in China nicht möglich gewesen, einen Dritten mit der Herstellung eines biopharmazeutischen Medikaments zu beauftragen. Nach einer Pilotphase wurde die entsprechende Gesetzgebung überarbeitet und die Auftragsherstellung ist nun in China gesetzlich vorgesehen. Das erste unter dieser neuen Gesetzgebung in Auftrag gegebene Biopharmazeutikum wird von Boehringer Ingelheim als Auftragshersteller in China hergestellt. Es wurde Ende 2019 zugelassen. Auch sonst erlebt Boehringer Ingelheim ein rasantes Wachstum in China und ist mit allen Geschäftsbereichen dort vertreten.

In der biopharmazeutischen Auftragsproduktion ist Boehringer Ingelheim den Wettbewerbern in China einen Schritt voraus: Als erstes internationales Unternehmen verfügt das Unternehmen in Schanghai über einen Biopharmazie-Standort für die kommerzielle Auftragsherstellung nach globalen Standards. Pionier Werner war selbstverständlich bereits da und hat sich die Anlage angesehen – auch wenn er offiziell seit 2012 im Ruhestand ist. Das Kürzertreten liegt dem eifrigen Schwaben einfach nicht.

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